Warum die Kapitalismuskritik im neoliberalen Zeitalter an Schwung verlor
Aneta WilmsenWarum die Kapitalismuskritik im neoliberalen Zeitalter an Schwung verlor
Ein neuer Sammelband untersucht, warum der Widerstand gegen den Kapitalismus während des Aufstieg des Neoliberalismus an Kraft verlor. "Krise der Kritik? Kapitalismuskritik im neoliberalen Zeitalter" vereint Studien zu Protestbewegungen von Mitte der 1970er-Jahre bis zur Jahrtausendwende. Das Buch argumentiert, dass gesellschaftliche Umbrüche nur dann verstanden werden können, wenn man nicht nur den Triumph des Neoliberalismus betrachtet, sondern auch die Schwächen seiner Kritiker analysiert.
Der Band entstand aus einer Tagung eines historischen Forschungsnetzwerks am Institut für fortgeschrittene Studien in den Geisteswissenschaften (KWI) in Essen. Die Autorinnen und Autoren untersuchen, wie kapitalismuskritische Bewegungen sich im Zuge des globalen Vormarschs des Neoliberalismus entwickelten – und dabei oft scheiterten.
Ein zentrales Thema ist der Wandel von breiter Kapitalismuskritik hin zu enger gefassten Formen des Protests. Sozialwissenschaftler verbinden dies häufig mit einer "Krise der Kritik" und verweisen auf die Individualisierung von Widerstand sowie das Schwinden systemischer Gegenentwürfe. Die Gründung der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) in den 1990er-Jahren brachte zwar sozialistische Ideen zurück in die Debatte, vermochte es aber nicht, eine grundlegende antikapitalistische Gegenbewegung zu beleben.
Roman Kösters Beitrag zeigt die Grenzen des Begriffs "Neoliberalismus" als analytisches Werkzeug auf. Zwar sei der Terminus nützlich, werde aber oft zu undifferenziert verwendet und berge die Gefahr, komplexe wirtschaftliche Umwälzungen zu vereinfachen. Benjamin Möckels Artikel spürt die Wurzeln der Konsumkritik noch weiter zurück und verortet sie im Nachkriegswirtschaftswunder. Er argumentiert, dass die Proteste von 1968 eine "strukturell begründete Konsumkritik" enthielten, die sich mit späteren Formen der Kapitalismuskritik überschneidet.
Der Band beleuchtet zudem zwei zentrale Erklärungsansätze für die Dominanz des Neoliberalismus: strukturelle Veränderungen des Kapitalismus selbst und die intellektuelle Verbreitung neoliberaler Ideen. Gemeinsam helfen diese Perspektiven zu verstehen, warum oppositionelle Bewegungen in dieser Phase an Einfluss verloren.
Das Buch begnügt sich nicht damit, dem Neoliberalismus die Schuld für das Ersticken des Widerstands zu geben. Stattdessen fragt es, warum es den Kritikern nicht gelang, eine wirksamere Gegenwehr zu organisieren. Indem es sowohl den Aufstieg der neoliberalen Lehre als auch die Schwächen ihrer Gegner analysiert, bietet der Sammelband ein umfassenderes Bild der Umformungen des Kapitalismus seit den 1970er-Jahren.






