Wie 20 Frauen 1973 mit "Eine Mark mehr!" Arbeitsgeschichte schrieben
Klaudia GnatzWie 20 Frauen 1973 mit "Eine Mark mehr!" Arbeitsgeschichte schrieben
Im August 1973 entfachte eine kleine, aber entschlossene Gruppe von Frauen im Pierburg-Werk in Neuss einen Streik, der Geschichte schreiben sollte. Was mit etwa 20 Arbeiterinnen begann, wuchs schnell zu einem Massenprotest heran – unterstützt von männlichen Kollegen und sogar Künstlern wie Joseph Beuys. Ihre Forderung war klar: eine faire Lohnerhöhung unter dem Motto „Eine Mark mehr!“
Die Aktion entwickelte sich zu einem der ersten großen Streiks in Deutschland, bei dem sich Männer solidarisch mit Arbeiterinnen gegen die ungerechten Lohnstrukturen der Zeit stellten.
Der Streik brach am 13. August 1973 aus, als die Frauen bei Pierburg – viele von ihnen Migrantinnen aus verschiedenen europäischen Ländern – die Arbeit niederlegten. Sie waren in die Tarifgruppe „leichte Arbeit, Gruppe 2“ eingestuft worden, eine Lohnstufe für Tätigkeiten, die angeblich „geringe körperliche Belastung“ erforderten. Das Unternehmen bot zunächst nur eine Erhöhung um 12 Pfennig an – ein Angebot, das die Streikenden sofort als unzureichend zurückwiesen.
Die Polizei griff früh ein, löste die Proteste auf, und später gab es Berichte über einen Beamten, der die Arbeiterinnen mit rassistischen Beleidigungen beschimpft haben soll. Doch die Bewegung ließ sich nicht aufhalten. Schon am nächsten Tag schlossen sich Hunderte Beschäftigte dem Streik an, darunter auch Männer aus dem Werk.
Am Donnerstag begannen schließlich Verhandlungen, und am Freitag kehrten die Arbeitgeber mit einem überarbeiteten Angebot zurück: eine Lohnerhöhung von 53 bis 65 Pfennig. Die Streikenden blieben standhaft und lehnten alles ab, was unter ihrer Forderung lag. Die Solidarität reichte weit über Neuss hinaus – Arbeiter aus anderen Städten und prominente Persönlichkeiten wie der Künstler Joseph Beuys unterstützten die Aktion öffentlich.
Der Druck zeigte Wirkung. Der Streik sicherte nicht nur bessere Löhne, sondern führte auch zur bundesweiten Abschaffung der Tarifgruppe „leichte Arbeit, Gruppe 2“ – ein System, das jahrzehntelang niedrigere Löhne für Frauen mit dem Vorwand „leichterer“ Arbeit gerechtfertigt hatte.
Der Pierburg-Streik endete mit einem historischen Sieg für die Beschäftigten. Ihr Durchhaltevermögen zwang die Arbeitgeber, eine diskriminierende Lohnklassifizierung abzuschaffen, die weibliche Arbeit jahrelang abgewertet hatte. Die Aktion setzte zudem ein Zeichen: Sie bewies, dass gemeinsames Handeln – über Geschlechter und Herkunft hinweg – ungerechte Arbeitsbedingungen herausfordern und verändern kann.






