Wie Nationen aus Leid Identität formen – und warum Dialog sie verändert
Klaudia GnatzWie Nationen aus Leid Identität formen – und warum Dialog sie verändert
Eine kürzliche Konferenz in Berlin bot einen Einblick darin, wie Nationen ihre Identität um historisches Leid herum formen. Achtzig Jahre nach Deutschlands dunkelstem Kapitel versammelte die Veranstaltung Stimmen aus ganz Europa und dem Nahen Osten. Für eine Teilnehmerin wurde sie zu einem Wendepunkt im Verständnis von Konflikt, Versöhnung und den Geschichten, die Länder zu erzählen wählen.
Die Diskussionen offenbarten ein Muster: Viele Nationen – selbst solche mit einer Geschichte der Aggression – verankern ihre Identität in Erzählungen von Opfersein. Doch die Konferenz zeigte auch Bemühungen auf, über Feindseligkeiten hinauszugelangen – durch Dialog, gemeinsame Projekte und den Mut, sich unangenehmen Wahrheiten zu stellen.
Auf der Konferenz präsentierte jede Teilnehmende die prägende Erzählung ihres Landes zum Zweiten Weltkrieg. Fast alle europäischen Nationen stellten ihre Geschichte in den Kontext von Leid statt von Aggression. Auch die israelisch-jüdische Perspektive kreiste weitgehend um den Holocaust, wobei die Erfahrungen anderer verfolgter Gruppen oft in den Hintergrund traten. Dieser Fokus ließ die Autorin fragen, ob solche Narrative manchmal den Schmerz anderer – insbesondere der Palästinenser:innen – verdrängen.
Die Begegnung mit Zeynep Karaosman, einer palästinensischen Friedensaktivistin, stellte lang gehegte Annahmen infrage. Ihre Anwesenheit bewies, dass nicht alle Palästinenser:innen Israelis als Feinde betrachten. Ein weiterer Moment der Klarheit kam von Heloise, einer jungen deutsch-französischen Frau, die beschrieb, wie viele Palästinenser:innen Israelis meist nur als Soldaten oder Siedler:innen erleben. Diese Begegnungen zwangen die Autorin, sich damit auseinanderzusetzen, wie dominante Opfernarrative es erleichtern können, die eigenen aggressiven Handlungen zu übersehen.
Die Veranstaltung präsentierte auch Modelle der Versöhnung. Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) organisiert etwa Programme wie Tandem-Sprachkurse in Frankfurt, digitale Tele-Tandem-Projekte für Schulen und den Deutsch-Französischen Freiwilligendienst (DFFD), bei dem junge Menschen zehn bis zwölf Monate in sozialen Einsatzbereichen verbringen. Weitere Initiativen umfassen den Bürgerfonds, der Veranstaltungen zum Deutsch-Französischen Tag mit bis zu 5.000 Euro fördert, sowie grenzüberschreitende Projekte wie das Regio Lab in der Oberrheinregion. Workshops zu Frankophonie, Biodiversität und Städtepartnerschaften festigen die Bindungen zusätzlich. Solche Ansätze deuten darauf hin, dass nicht nur die Geschichte, sondern auch Partnerschaft die Zukunft einer Nation prägen kann.
Für die Autorin wurde die Berliner Konferenz zu einer Quelle vorsichtigen Optimismus. Sie zeigte, wie tief verwurzelt Narrative sein können – aber auch, wie sie sich ändern lassen. Die Frage ist nun, ob der Nahen Osten Europas langsamen, unvollkommenen Schritten zur Zusammenarbeit folgen kann.
Zwei klare Erkenntnisse nahm die Autorin aus der Konferenz mit. Erstens: Nationale Identitäten bilden sich oft um Leid herum, selbst wenn die Geschichte komplexer ist. Zweitens: Versöhnung ist möglich, wenn Menschen direkt mit denen in Dialog treten, die sie einst als Gegner:innen sahen.
Programme wie die des DFJW beweisen, dass gemeinsame Projekte Beziehungen über die Zeit neu gestalten können. Ob solche Modelle im Nahen Osten Wurzeln schlagen, bleibt ungewiss. Doch die Gespräche in Berlin zeigten: Sich eine andere Zukunft vorzustellen, ist der erste Schritt, um sie aufzubauen.