20 December 2025, 19:45

Die Wahrheit

Ein Mann singt in ein Mikrofon in der Mitte einer Gruppe von Menschen, mit sichtbaren Lichtern im Hintergrund.

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Alljährlich in Bayern: Vor Weihnachten allgegenwärtig ist das Gedicht „Heilige Nacht“ des nach wie vor beliebten Antisemiten Ludwig Thoma.

  1. Dezember 2025, 23:06 Uhr

Unterhaltung, Popkultur

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Eine langjährige Weihnachtsradition in Bayern gerät erneut in die Kritik. Ludwig Thomass antisemitisches Gedicht „Heilige Nacht“ wird trotz der gut dokumentierten Hassrede des Autors Jahr für Jahr weit verbreitet vorgetragen. Gleichzeitig stoßen Bemühungen, Straßen und Schulen mit seinem Namen umzubenennen, auf vehementen Widerstand bei Einheimischen, die mit seinen Werken aufgewachsen sind.

Thomass 1906 erschienenes Gedicht „Heilige Nacht“ bietet eine satirische Abwandlung der Weihnachtsgeschichte, in der Maria und Josef als tollpatschige Figuren dargestellt werden, die verzweifelt in Bethlehem eine Herberge suchen. Zeilen wie „Im Wald ist es so still / Alle Wege sind mit Schnee bedeckt / Alle Wege sind glatt / Kein Stein bleibt unberührt“ sind vielen Bayern als fester Bestandteil der Festtagszeit vertraut. Doch der weitere Kontext – darunter Thomass antisemitische Artikel für den „Miesbacher Anzeiger“ – hat zu Forderungen geführt, das Werk aus öffentlichen Feiern zu verbannen.

Jeden Dezember trägt der Schauspieler Enrico de Paruta „Heilige Nacht“ in ausverkauften Vorstellungen in München, Ingolstadt und Regensburg vor. Die Tradition hält sich, obwohl Kritiker auf Thomass Rolle bei der Verbreitung von Vorurteilen hinweisen. Über das Gedicht hinaus ist sein Erbe in Ortsbezeichnungen präsent: Straßen und Schulen in Oberbayern tragen noch immer seinen Namen, trotz Petitionen für eine Umbenennung. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat eine solche für eine nach Thoma benannte Straße kategorisch ausgeschlossen. „Solange ich Oberbürgermeister bin, wird das nicht passieren“, erklärte er – ein Statement, das die Verbundenheit vieler mit einem Autor widerspiegelt, dessen Werke einst zum kulturellen Kanon gehörten.

Die Debatte über Thomass Platz in der bayerischen Kultur ebbt nicht ab. Sein Gedicht wird weiter aufgeführt, sein Name prangt auf öffentlichen Plätzen, und der Widerstand gegen Veränderungen bleibt stark. Vorerst existieren Tradition und Kontroverse nebeneinander – die eine jedes Weihnachten rezitiert, die andere in jeder Diskussion über sein Vermächtnis neu verhandelt.