Frankenforst: Wie ein Villenviertel zwischen NS-Terror und verbotener Liebe zum Spiegel der Geschichte wurde
Evi NergerFrankenforst: Wie ein Villenviertel zwischen NS-Terror und verbotener Liebe zum Spiegel der Geschichte wurde
Villenkolonie Frankenforst: Verdrängte Wahrheiten im begehrten Viertel
Ein verbotene Liebe, NS-Enteignungen, die Vertreibung der Villenbesitzer in den eigenen Hühnerstall – das Buch der Frankenforsterin Rosine De Dijn „In begehrter Lage“ ist eine Anatomie des Erinnerens: Im Bensberger Villenviertel Frankenforst spiegeln sich die Tragödien der beiden Weltkriege wie unter einem Brennglas, verdichtet auf wenige Fassaden und Familienschicksale.
Ein neues Buch der 84-jährigen Journalistin Rosine De Dijn deckt die bewegte Geschichte der Villenkolonie Frankenforst auf. 1907 als Kölner Pendant zu Berlins Grunewald gegründet, verlor das Viertel seinen friedlichen Ruf durch die beiden Weltkriege. Anhand von Archiven, Tagebüchern und Fotos zeichnet De Dijn das Leben derer nach, die einst hier heimisch waren – und die Konflikte, die das Viertel prägten.
Die Kolonie Frankenforst begann als exklusives Refugium für wohlhabende Familien, inspiriert vom Berliner Eliteviertel Grunewald. Doch die idyllischen Anfangsjahre endeten jäh mit dem Ersten Weltkrieg. Conrad Grommes, ein ortsansässiger Lehrer und Schulleiter, trieb seine Schüler an die Front, überzeugt davon, sie kämpften für das „Vaterland“. Schon in den 1920er-Jahren hatte sich der rechtsextreme Radikalismus in Schulen, Kneipen und Haushalten des Viertels ausgebreitet.
Bis 1937 wurden die Villen des Viertels zu Instrumenten der NS-Macht. Richard Jahr, SS-Hauptsturmführer und Verlagsleiter, beschlagnahmte eines der Anwesen und machte es zum Hauptsitz seiner antisemitischen Propagandazeitung – die NS-Ideologie drang so in den Alltag des Viertels ein.
Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen belgische Offiziere die prächtigsten Häuser und wiesen Bewohner wie das Ehepaar Houben aus. Aus ihrer Villa vertrieben, mussten die Houbens im Hühnerstall leben. Doch nicht alle Begegnungen waren feindselig. Ein junger belgischer Offizier verliebte sich in Anneliese Scheidtweiler, eine Einheimische. Er suchte Vorwände, um sie zu sehen – mal bat er um Wasser, mal bot er an, Schränke zu reinigen –, bis die Beziehung leise endete. Mit der Zeit ließen die Spannungen nach, und 1958 endeten die Beschlagnahmungen, als die Kontakte zwischen Besetzern und Einheimischen wieder auflebten.
De Dijns Verbindung zu dieser Geschichte ist persönlich: Ihre Mutter floh während des Zweiten Weltkriegs aus Belgien nach Frankreich, schwanger mit Rosine, um dem deutschen Vormarsch zu entkommen. Jahrzehnte später rekonstruiert die Journalistin die Vergangenheit der Kolonie anhand von Grundbuchakten, Briefen und Bauplänen. Ihr Buch gibt denen eine Stimme, die vertrieben wurden und deren Geschichten fast in Vergessenheit gerieten.
„In begehrter Lage“ dokumentiert, wie Krieg und Ideologie eine für Luxus geschaffene Gemeinschaft umformten. Die Villen von Frankenforst, einst Symbole des Reichtums, wurden zu Schauplätzen von Besatzung, Widerstand und stillen menschlichen Verbindungen. De Dijns Werk bewahrt die Erinnerungen der ehemaligen Bewohner – von vertriebenen Familien bis zu besetzenden Offizieren – vor dem Vergessen.






