17 March 2026, 20:13

Gockels siebenstündiger Wallenstein verbindet Schiller mit Prigoschins Wagner-Gruppe

Altes Buchcover mit einem Mann im Anzug und Krawatte, wahrscheinlich der Komponist von *Schaukel-Lied*, mit dem Titel in russischer Sprache.

Gockels siebenstündiger Wallenstein verbindet Schiller mit Prigoschins Wagner-Gruppe

Regisseur Jan-Christoph Gockel inszeniert Schillers Wallenstein als siebenstündiges Theaterereignis bei den Berliner Festspielen

Mit einer kühnen, siebenstündigen Adaption von Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie hat Regisseur Jan-Christoph Gockel bei den Berliner Festspielen ein spektakuläres Bühnenexperiment gewagt. Die Produktion verband das Drama des 17. Jahrhunderts mit moderner Kriegsführung und zog drastische Parallelen zwischen dem historischen Feldherrn und dem Wagner-Gruppe-Chef Jewgeni Prigoschin. Das Publikum erlebte eine Mischung aus Live-Kochen, Puppenspiel und theatralischen Innovationen – darunter ein berührender Moment, in dem der gelähmte Körper des Schauspielers Samuel Koch durch eine maßgefertigte Marionettenkonstruktion zum Leben erweckt wurde.

Der Abend begann mit einer Lecture-Performance des russischen Künstlers Serge, der die Inszenierung durch die Linse von Prigoschins Söldnerimperium betrachtete. Mit einem Harry-Potter-"Ridikulus"-Zauber, der Angst durch Humor unterlief, setzte er den Ton für einen Abend, an dem Geschichte und Gegenwart aufeinandertrafen. Das Ensemble kochte an einer langen Küchenzeile, verwandelte sich in Bauern und wurde schließlich zu Wallensteins Soldaten – eine Abfolge, die so noch nie auf der Bühne zu sehen war.

Schillers Originaltext wurde stark verdichtet und mit Prologen, Epilogen sowie neuem Material durchzogen. Die Liebesgeschichte zwischen Wallensteins Tochter und Max Piccolomini kämpfte um emotionale Tiefe angesichts einer Parade überzeichneter Figuren. Gleichzeitig floss Sergei Okunevs Recherche über Prigoschin in die Inszenierung ein: Schauspieler rezitierten die echten Reden des Söldnerführers auf Russisch (mit Untertiteln), während Videoprojektionen Aufnahmen der Wagner-Gruppe zeigten. Moderne Militärdrohnen teilten sich die Bühne mit Kostümen des 17. Jahrhunderts und unterstrichen so die Kontinuität russischer Kriegstaktiken.

Cashback bei deinen
Lieblingsrestaurants und Services

Kaufe Gutscheine und spare in deinen Lieblingsorten in deiner Nähe

LiberSave App auf Smartphones

Der Höhepunkt der Produktion war Samuel Koch, dessen gelähmter Körper während Wallensteins Tod von einer Marionettenvorrichtung bewegt wurde. Das Gerüst ermöglichte ihm zwei bewusste Schritte und Armbewegungen – eine gespenstische Verschmelzung von Verletzlichkeit und Kontrolle. Musikalische und puppenspielerische Beiträge von Maria Moling und Annette Paulmann fügten weitere Ebenen hinzu, während Zuschauer:innen Auszüge aus Serges Recherchen über Soldatenkultur vorlasen – eine Hommage an Heiner Müllers partizipative Methoden.

Der letzte Akt bot einen Funken Hoffnung: Ein Auszug aus Swetlana Alexijewitschs Der Mensch ist größer als der Krieg setzte einen Kontrapunkt zu den düsteren Themen des Abends. Unter dem Titel Das Fest der Schlacht in sieben Gängen präsentierte die Inszenierung Wallensteins und Prigoschins Schicksale als dialektisches Argument, deren Ehrgeiz und Verrat über die Jahrhunderte hinweg nachhallen.

Gockels Wallenstein dauerte sieben Stunden inklusive drei Pausen und verlangte dem Publikum aktive Teilhabe ab. Die Inszenierung verband theatralisches Experiment mit geopolitischer Kritik – von Live-Kochen bis zur Drohnensymbolik – und verband Schillers Welt mit den Konflikten der Gegenwart. Den Abschluss bildeten Alexijewitschs Worte, die die Zuschauer:innen mit dem bleibenden menschlichen Preis des Krieges konfrontierten – damals wie heute.

Quelle